Nach einer kurzen Sommerpause sind wir zurück mit einer neuen Folge der Fotobuch-Plauderecke. Mit im Gepäck haben wir diesmal unser Thema „Sommerlektüre” – jeder von uns stellt ein Buch vor, das uns in den letzten Wochen auf die eine oder andere Art beschäftigt hat.
Florian wählte den Bildband „Les Italiens” des französischen Fotografen Bruno Barbey – ein Buch, das sich mit seinem Lieblingsland Italien beschäftigt. Im Podcast stellt er insbesondere die Bilder aus seiner Lieblingsstadt Neapel vor.
Les Italiens
Bruno Barbey
Delpire
184 Seiten
21 x 18 cm
November 2022
ISBN 979-1095821526
40 €
Mehr findet ihr wie immer in seinem Blog.
Auch ich wählte ein Buch, das sich mit einem Land beschäftigt, zu dem ich eine ganz besondere Beziehung habe. Wie in vielen Jahren zuvor verbrachten wir auch in diesem Jahr unseren Sommerurlaub in den Niederlanden – und passend dazu erschien vor Kurzem im Hartmann-Verlag der Bildband „Flatlands” von Henrik Spohler.

Der Fotograf Henrik Spohler wurde 1965 in Bremen geboren und lebt heute in Berlin, wo er als Professor im Studiengang Kommunikationsdesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft unterrichtet. Er studierte an der Folkwangschule in Essen und arbeitet seit 1992 als freischaffender Fotograf. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet und ist in öffentlichen wie privaten Sammlungen vertreten. „Flatlands” ist sein sechstes Buch. Für dieses Projekt bereiste er auf fünf ausgedehnten Reisen in den Jahren 2020 und 2021 – insgesamt rund 7.500 Kilometer die Niederlande und blickte dabei als Außenstehender auf das Land im Herzen Westeuropas.
Großformatige Querformatfotos folgen auf den nächsten rund 130 Seiten. Henrik Spohler gelingt es, ganz unterschiedliche Ansichten der niederländischen Flachlandschaft darzustellen. Hauptsächlich konzentriert er sich auf die Küstenregionen – und natürlich spielt das Thema Wasser in einem Bildband über die Niederlande eine zentrale Rolle.

Jedes Foto folgt einem ähnlichen gestalterischen Prinzip: Die Farben sind gedämpft, die Bildelemente grafisch reduziert. In der Regel nimmt der Himmel etwa die Hälfte des Bildes ein, während eine schräge Diagonale den unteren Bildbereich gliedert. Durch dieses gleichförmige Gestaltungskonzept könnte man meinen, Holland sei langweilig – ich empfinde es jedoch anders: Für mich entsteht dadurch eine eigentümliche, stille Spannung.
Spohler gelingt es, auch ohne den Menschen als Hauptmotiv – Menschen spielen in seinen Aufnahmen nur eine untergeordnete Rolle – einen Bildband zu schaffen, der das Land in seinen unterschiedlichen Facetten zeigt. Auch Industriegebiete oder Autobahnkreuze finden ihren Platz, die auf den ersten Blick vielleicht wenig einladend wirken, aber zum ehrlichen Bild des Landes gehören. Inspiriert wird er dabei von den niederländischen Malern des 17. Jahrhunderts – und das spürt man: Ein sachtes Blau im Himmel, ein sanftes Grün bei Wiesen und Feldern, der charakteristische Blauton von Meer und Grachten.
Begleitende Texte von Gerbrand Bakker sowie ein Schlusswort des Fotografen selbst rahmen den Bildband ein. Die Texte sind in drei Sprachen gehalten: Deutsch, Englisch und Niederländisch. Über die genauen Aufnahmeorte erfährt man wenig – außer auf der einer Übersichtskarte im Umschlag und auf der letzten Seite mit den entsprechenden Seitenzahlen. Allerdings braucht man schon etwas Ortskenntnis, um beispielsweise zu erkennen, dass ein bestimmtes Bild im schönen Strandbad Scheveningen aufgenommen wurde.

Die Qualität der Druckseiten mit ihrem kräftigen Papier (Salzer touch, smooth, 1,2-fold bulk inwhite 150g/m2)ist wirklich ansprechend. Das Layout, gestaltet von Florian Pfeffer vom Studio one/one aus Bremen, ist durch das ungewöhnliche Buchkonzept ebenfalls bemerkenswert.

Insgesamt ist dem Hartmann Verlag und Henrik Spohler ein wirklich bemerkenswerter Bildband gelungen. Ein ganzes Land fotografisch darzustellen ist eine schwierige Aufgabe – zu vielseitig, zu widersprüchlich sind die möglichen Bilder. Spohler hat sich für einen klaren, konsequenten Weg entschieden: Er zeigt das, was die Niederlande im Kern ausmacht – die Weite, das Licht, das Wasser, die Stille. Dass „Flatlands” 2023 sowohl den DAM Architectural Book Award gewann als auch mit der Silbermedaille beim Deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet wurde, verwundert nicht – das Buch überzeugt nicht nur inhaltlich, sondern auch als gestalterisches Gesamtwerk.
„Flatlands” ist kein touristischer Bildband und kein Reiseführer, sondern eine fotografische Haltung. Und genau das macht ihn besonders.
Auch wenn die Bilder auf den ersten Blick vielleicht einsam oder gar karg wirken, wecken sie in mir eine echte Sehnsucht nach diesem Land – nach den flachen Horizonten, dem weichen Licht und der eigentümlichen Ruhe, die die Niederlande ausstrahlen. Wer das Land kennt und liebt, wird sich in diesen Bildern wiederfinden. Und wer es noch nicht kennt, bekommt vielleicht Lust, es zu entdecken.
Eckdaten zum Buch:
Flatlands
Henrik Spohler
Hartmann-Verlag
128 Seiten – 48 Fotos
Hardcover
24,5 x 32 cm
ISBN 978-3-96070-093-7
Links:
Podcast: Stars unserer Kindheit
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