Rund 650.000 Mal hat im vergangenen Jahr in Deutschland ein neuer Mensch das Licht der Welt erblickt. Dieses zutiefst emotionale Ereignis wird von Eltern ganz unterschiedlich wahrgenommen und erlebt. Zwischen überwältigender Freude, tiefer Erschöpfung und leisen Zweifeln entfaltet sich eine Zeit, die sich kaum in einfache Worte fassen lässt.
Die Fotografin und Künstlerin Janine Bächle hat diesen Prozess als zweifache Mutter selbst durchlebt und fotografisch festgehalten. Im Verlag Kettler ist dazu der Bildband „Becoming Parents“ erschienen.

Über die Fotografin

Janine Bächle wurde 1990 in Baden-Württemberg geboren und wuchs in Radolfzell am Bodensee auf. Sie studierte Fotografie und Kommunikationsdesign an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und widmet sich seither vor allem der dokumentarischen Fotografie. Diese begleitet sie nicht nur in ihrem beruflichen Alltag, sondern prägt auch ihre freien künstlerischen Projekte. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine große Nähe zu den dargestellten Personen und Themen aus. Es geht ihr weniger um Inszenierung als um das Sichtbarmachen von Wirklichkeit.

Mehrere Publikationen – häufig im Eigenverlag realisiert – hat sie bereits veröffentlicht und sich damit eine eigenständige künstlerische Handschrift erarbeitet, die sich durch Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit auszeichnet.

Inhalt - Becoming Parents - Janine Bächle

Über das Buch

Der Bildband „Becoming Parents“ von Janine Bächle ist ein hochwertig gestaltetes Buch im großzügigen Format (ca. 20 x 25 cm), das bereits haptisch einen wertigen Eindruck vermittelt. Der Leineneinband ist schlicht gehalten, eine dezente Prägung sowie ein aufgeklebtes Bild geben einen ersten Hinweis auf den Inhalt, ohne zu viel vorwegzunehmen. Titel und Name der Fotografin sind zurückhaltend gesetzt – ganz so, wie es auch dem Charakter des Buches entspricht. Es ist ein Buch, das sich nicht aufdrängt, sondern entdeckt werden möchte.

Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, was den Betrachter erwartet: autobiografisch geprägte, dokumentarische Fotografien, die sich der Zeit unmittelbar nach der Geburt widmen. Es sind Bilder, die nicht inszeniert wirken, sondern aus dem Leben heraus entstanden sind. Sie zeigen die ersten Tage und Wochen nach der Entbindung – eine Phase, die gemeinhin als Wochenbett bezeichnet wird und in der körperliche wie emotionale Prozesse in besonderer Intensität aufeinandertreffen.

Janine Bächle dokumentiert die freudigen, innigen und zärtlichen Momente ebenso wie die leisen, fragilen Augenblicke. Es sind Bilder von Nähe, von Berührung, von einem neuen Alltag, der sich erst langsam formt. Gleichzeitig scheut sie sich nicht, auch die weniger oft gezeigten Seiten festzuhalten: Momente des Zweifelns, der Überforderung, der Traurigkeit.

Gleich zu Beginn findet sich, wenn man so möchte, eine Art Selbstporträt – ein Bild mit weinenden Augen, gehalten in einer zurückgenommenen, beinahe melancholischen Schwarz-Weiß-Ästhetik. Es ist ein stiller Einstieg, der den Ton des gesamten Buches vorgibt und den Blick des Betrachters schärft für das, was folgt.

Bächle zeigt das Wochenbett unverblümt und ohne Beschönigung. Körperliche Veränderungen und Prozesse werden ebenso sichtbar gemacht wie emotionale Zustände. Szenen rund um den Milcheinschuss oder den Wochenfluss werden nicht ausgespart, sondern als selbstverständlicher Teil dieser Zeit integriert. Dadurch entsteht eine Direktheit, die zunächst ungewohnt sein kann, sich aber schnell als konsequent und ehrlich erschließt.

Ebenso finden sich Aufnahmen unmittelbar nach der Entbindung, die aus Videomaterial der Hausgeburt herausgelöst wurden und eine besondere Intensität besitzen. Diese Bilder wirken weder voyeuristisch noch überinszeniert, sondern vielmehr wie Fragmente einer sehr persönlichen Erinnerung.

Dem gegenüber stehen ruhige, beinahe kontemplative Bilder: das Kind in entspannten Situationen, intime Momente zwischen Mutter, Partner und Neugeborenem, Szenen des gemeinsamen Ankommens im neuen Alltag. Diese stilleren Fotografien schaffen Raum zum Innehalten und bilden einen wichtigen Gegenpol zu den emotional aufgeladenen Momenten.

Auffällig ist dabei die Art und Weise, wie Bächle mit Nähe arbeitet. Viele der Aufnahmen entstehen in unmittelbarer Distanz, fast körperlich spürbar. Gleichzeitig bewahrt sie eine respektvolle Zurückhaltung, die es den Bildern ermöglicht, für sich zu sprechen. Nichts wirkt erzwungen oder dramatisiert. Vielmehr entsteht der Eindruck eines aufmerksamen Blicks, der das Geschehen begleitet, ohne es zu dominieren.

Inhalt - Becoming Parents - Janine Bächle

Die Bildabfolge lädt dazu ein, sich Zeit zu nehmen und die Fotografien in Ruhe zu betrachten. Anders als in schnell konsumierbaren Bildwelten entfaltet sich die Arbeit in einem ruhigen, fast behutsamen Rhythmus. Der Betrachter wird nicht durch eine Abfolge von Höhepunkten geführt, sondern darf selbst verweilen, zurückblättern und eigene Verbindungen zwischen den Bildern herstellen.

Gerade diese entschleunigte Betrachtungsweise erinnert an eine Haltung, in der Fotografie noch stärker als Medium der Beobachtung und Sammlung verstanden wurde. In einer Zeit, in der Bilder häufig flüchtig konsumiert werden, wirkt dieser Ansatz bewusst gegen den Strom der Schnelllebigkeit. Das Buch lädt dazu ein, Fotografie wieder als etwas zu begreifen, das Zeit braucht – sowohl in der Entstehung als auch in der Betrachtung.

Gleichzeitig fügt sich „Becoming Parents“ in eine lange Tradition dokumentarischer Arbeiten ein, die sich mit Alltag, Intimität und den leisen Momenten des Lebens beschäftigen. Die Fotografie dient hier nicht der Inszenierung, sondern der Beobachtung – eine Haltung, die in der Geschichte des Mediums immer wieder eine zentrale Rolle gespielt hat. Bächle knüpft daran an, ohne sich explizit in eine bestimmte Linie zu stellen, und entwickelt dennoch eine eigene, sehr persönliche Bildsprache.

Dabei gelingt es ihr, eine individuelle Perspektive mit einer gewissen Allgemeingültigkeit zu verbinden. Obwohl die Aufnahmen aus einer sehr persönlichen Erfahrung heraus entstanden sind, öffnen sie sich für universelle Themen: für Fragen nach Veränderung, nach Verantwortung, nach dem Ankommen in einer neuen Lebenssituation. Gerade diese Verbindung macht die Arbeit für ein breiteres Publikum zugänglich, ohne ihren intimen Charakter zu verlieren.

Am Ende des Buches findet sich ein begleitender Text von Joanna Wolfarth, die das Projekt einordnet und in einen größeren künstlerischen Kontext stellt. Dabei werden Bezüge zu anderen Arbeiten hergestellt und die Bedeutung einer solchen dokumentarischen Herangehensweise hervorgehoben. Ein Glossar mit allen abgebildeten Fotografien bietet darüber hinaus eine hilfreiche Orientierung und ermöglicht es, einzelne Motive gezielt nachzuvollziehen.

Produziert und gedruckt wurde der Band im Verlag Kettler. Die hochwertige Verarbeitung zeigt sich nicht nur im Leineneinband, sondern auch in der Fadenbindung, die ein angenehmes Aufschlagen des Buches erlaubt. Das verwendete Papier unterstreicht die Bildwirkung und lässt den Fotografien Raum, sich zu entfalten. Insgesamt entsteht so ein stimmiges Gesamtobjekt, das sowohl inhaltlich als auch gestalterisch überzeugt und sich bewusst von schnelllebigen Bildformaten absetzt.

Fazit

In sozialen Medien begegnet man häufig idealisierten Darstellungen der ersten Zeit nach der Geburt: liebevoll inszenierte Bilder, friedlich schlafende Neugeborene, glückliche Eltern. Diese Perspektive hat ihre Berechtigung, doch sie zeigt nur einen Ausschnitt der Realität und folgt nicht selten einer gewissen Erwartungshaltung.

Zur Wirklichkeit gehört auch, dass diese ersten Tage und Wochen von Unsicherheit geprägt sein können. Selbstzweifel, Erschöpfung und emotionale Schwankungen sind keine Ausnahme, sondern Teil des Erlebens. Gerade junge Eltern sehen sich mit neuen Anforderungen konfrontiert, die nicht immer sofort einzuordnen sind.

Der Blick auf diese Phase war lange Zeit ein eher privater, oft hinter verschlossenen Türen stattfindender. Umso bemerkenswerter ist es, wenn eine künstlerische Arbeit diesen Raum öffnet und sichtbar macht, was sonst selten gezeigt wird.

Genau hier setzt Janine Bächle mit ihrem Bildband an. Sie erweitert die gewohnte Bildsprache um jene Momente, die oft im Verborgenen bleiben. Ihre Fotografien sind ehrlich, direkt und frei von Pathos. Sie werten nicht, sie erklären nicht – sie zeigen.

Gerade darin liegt ihre Stärke. Der Betrachter wird nicht geführt, sondern eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen und eigene Erfahrungen oder Vorstellungen mit dem Gesehenen abzugleichen.

„Becoming Parents“ ist damit mehr als ein klassischer Bildband – es ist ein sensibles, persönliches Dokument einer Lebensphase, die viele Menschen teilen und doch jeder für sich anders erlebt. Die gezeigten Aufnahmen können dabei helfen, die eigene Situation besser einzuordnen und vielleicht auch anzunehmen, dass Widersprüche und Unsicherheiten ein natürlicher Teil dieses Übergangs sind.

Inhalt - Becoming Parents - Janine Bächle

Podcast

Im Podcast hatte ich die Möglichkeit, ausführlich mit Janine Bächle über ihr Projekt und ihre Arbeitsweise zu sprechen. Dabei ging es nicht nur um die Entstehung des Buches, sondern auch um die dahinterstehende Intention und den gesellschaftlichen Blick auf Elternschaft. Auch die Frage, welche Bilder wir gewohnt sind zu sehen – und welche nicht – wurde dabei thematisiert.

Wer sich tiefergehend für die Hintergründe interessiert, dem sei ein Hineinhören empfohlen.

Empfehlung:

Carmen Winant – My Birth (Amazon *)

Eckdaten zum Buch:

Becoming Parents

Janine Bächle
Hardcover im Leineneinband
152 Seiten
zweisprachig deutsch / englisch
20 x 25 cm
Januar 2026
Verlag Kettler
ISBN: 978-3-98741-221-9
42 €

Links:

Janine Bächle – Website

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Verlag Kettler

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Vielen Dank an den Verlag Kettler, die mir ein Exemplar des vorgestellten Bildbandes zugeschickt haben.