Ralf Mock ist Amateurfotograf im besten Sinne des Wortes: nicht getrieben von schnellen Veröffentlichungen, sondern von einem aufmerksamen Blick und der Freude am Gestalten. Nach einem langen Berufsleben als Schauwerbegestalter und Verkaufsförderer widmet er sich heute im Ruhestand ganz der Fotografie. Sein gestalterischer Hintergrund prägt seine Arbeiten deutlich – Komposition, Licht und Reduktion stehen stets im Mittelpunkt. Mit Kamera und offenem Blick ist er vor allem in der Natur unterwegs, an Küsten, Flüssen und auf Reisen, immer auf der Suche nach Motiven, die mehr erzählen als das Offensichtliche.
Im Oktober 2025 erschien sein aktueller Bildband „Gestrandet – Treibgut“, veröffentlicht als Selfpublishing-Projekt. Auf 60 Seiten zeigt Mock Fotografien von Fundstücken, die er an Meeresküsten und Flussufern entdeckt hat. Losgelöst von ihrem ursprünglichen Kontext werden diese Objekte zu stillen Protagonisten: verfremdet, neu inszeniert und offen für individuelle Deutungen. Der Bildband lebt von einer eigenständigen Bildsprache, von sorgfältiger Auswahl und dem bewussten Zusammenspiel von Licht, Form und Moment.

Das folgende Interview haben wir aus gesundheitlichen Gründen schriftlich geführt. Es gibt Einblick in den persönlichen Werdegang von Ralf Mock, seine Haltung zur Fotografie, die Entstehung von „Gestrandet – Treibgut“ sowie in weitere Projekte und Pläne. Ein Gespräch über das bewusste Arbeiten mit Bildern – und über die Bedeutung von Entschleunigung in einer Zeit permanenter visueller Reizüberflutung.
Fotobuch-Ecke: Ralf, magst du dich den Leserinnen und Lesern der Fotobuch-Ecke kurz vorstellen? Wer bist du – abseits von Kamera und Büchern?
Ralf Mock: Abseits von der Kamera ist schwer zu beantworten, wenn ich das Haus verlasse, ist die Kamera immer dabei. Ich bin ehemaliger Schauwerbegestalter und Verkaufsförderer. Ich war nach dem Abschluss der Fachoberschule für Gestaltung, im Einzelhandel und später für die Industrie tätig. Im Laufe dieser Tätigkeit entwickelte ich ein ausgeprägtes Gespür für Gestaltung und visuelle Inszenierung, welches mir meine langjährige Berufserfahrung ermöglichte. Heute im Ruhestand widme ich mich meiner Leidenschaft für die Fotografie, mit dem besonderen Fokus auf Landschaft, Natur- und Reisefotografie. Jetzt habe ich Zeit mit unserem Mini-Van zu reisen, aus langen Wanderungen werden ausgedehnte Spaziergänge. Ich bin verheiratet und lebe in Bremen.
Wir führen dieses Interview schriftlich, da das Sprechen für dich aktuell schwierig ist. Wie gehst du mit dieser Situation um, und welche Rolle spielt Entschleunigung gerade in deinem Leben?
Aufgrund meiner Erkrankung bin ich momentan nicht in der Lage, längere Gespräche zu führen; irgendwann bricht meine Stimme ein und ich muss nach einer Weile neu beginnen, daraus folgt für mich, dass ich mir meine Sätze vorab ganz genau überlege, um sie schnell auf den Punkt zu bringen. Wiederum bin ich durchaus in der Lage, für jeden verständlich zu sprechen, umso mehr ärgert es mich, wenn man mir nicht zuhört und ich Sätze, für mich anstrengend, wiederholen muss. Einmal mehr lerne ich wie wichtig zuhören ist. Eine Entschleunigung findet fast ausschließlich im Urlaub, während den Reisen oder beim Fotografieren statt.
Du hast viele Jahre als Schauwerbegestalter und in der Verkaufsförderung gearbeitet. Was aus dieser Zeit begleitet dich bis heute?
In meiner Kindheit und bis zum Ende meiner Ausbildung gab es noch den „Schaufensterbummel“, Sonntags, bei geschlossenen Geschäften, wurde sich schick angezogen, es ging in die Stadt, Schaufenstergucken. Gerne in der Vorweihnachtszeit am späten Nachmittag, wenn die Fenster schön beleuchtet waren; im Anschluss gerne Kaffee und Kuchen. Die großen Kaufhäuser und Einzelhändler machten sich gegenseitig Konkurrenz und standen im Wettbewerb, um die schönsten Dekos oder Themen. Der Beruf „Schaufenstergestalter“ war durchaus angesehen, es gab sogar eine Fachzeitschrift. Dann kam der Bruch: der Beruf wurde nun Schauwerbegestalter und die reine Warenpräsentation rückte in den Vordergrund. Ich wechselte zur Industrie, Shopaufbauten, Warenpräsentationen; da konnte ich mich austoben, bis die Einzelhandelskonzerne begannen ihre Läden zu verrastern. Jeder Artikel hatte seinen festen Platz, dass raubte mir sämtliche Motivation, zum Glück winkte der Ruhestand. Um den Bogen zur Fotografie zu schlagen: allen gemeinsam war und ist, das Zeigen oder Präsentieren, das Zur Schau-Stellen, nichts anderes machen wir mit unseren Fotografien durch alle Genres.
Erinnerst du dich noch an den Moment, in dem Fotografie für dich mehr wurde als nur ein Interesse?
Schon als Schüler habe ich, damals noch analog, fotografiert und die s/w Filme selbst entwickelt und ausbelichtet oder in Farbe auf Dias fotografiert. Es gab nur eine sehr kurze Zeitspanne, in der ich das Interesse an der Fotografie verloren habe. Die semiprofessionelle Fotografie erfolgte erst sehr spät, da mich meine berufliche Tätigkeit zu sehr in Anspruch nahm.
Heute, im Ruhestand, widmest du dich intensiv der Fotografie. Was bedeutet diese Lebensphase für dich persönlich?
Da kann ich gleich an meine vorherige Antwort anschließen. Ich habe mehr Zeit, mich der Fotografie und meinen Projekten zu widmen, sogar den Luxus mir die Zeit einfach zu nehmen. Für meinen Job bin ich durch ganz Deutschland und die Nachbarländer Österreich, Niederlande und Luxemburg gereist, da blieb für das Hobby nur der Urlaub, undenkbar mich um irgend ein längeres Projekt zu kümmern.
Wie stark prägt dein gestalterischer Hintergrund deine Art zu fotografieren? Gibt es Regeln oder Prinzipien, an denen du dich bewusst orientierst?
Für mich als Schüler waren Filme, Papier, Chemie und auch die Dia-Fotografie sehr teuer, das ist wohl der Grund, weshalb ich nie der „Viel-Knipser“ war und bin. Manchmal wird mir gesagt: „schau mal“, „mach mal“, „schönes Motiv“. Dann ernte ich nur ein Kopfschütteln, wenn ich nein sage. Sagt mir ein Motiv nichts oder kann ich mit dem Motiv nichts anfangen, gibt es kein Foto. Kein Licht, kein Foto. Gerade da wir mit Bildern überflutet werden, frage ich mich, wer schaut sich das alles an und warum.
Deine Schwerpunkte liegen auf Landschaft, Natur und Reisen. Was suchst du in diesen Motiven – und was möchtest du den Betrachtern zeigen?
Mein erster Bildband besteht nur aus Naturfotografien für Liebhaber der Küstenregionen von Nord- und Ostsee. Die Reisefotografie ist fast nur den Kalendern vorbehalten, es freut mich, wenn sich der Betrachter Monat für Monat meine Fotos gerne anschaut. Das motiviert mich. Gestrandet – Treibgut, hier überlasse ich es dem Betrachter, nicht negativ gemeint, in welche Schublade er es stecken möchte.
Gibt es Fotografen, Künstler oder andere Einflüsse, die deinen Blick besonders geprägt haben?
Ich möchte die Frage gerne umdrehen, ich schaue mir gerne Arbeiten von Fotografen an, deren Genre ich nicht beherrsche, z.B. Porträt, Street oder Reportagefotografie, das könnte ich nie und kann mich an den tollen Arbeiten einiger Fotografen erfreuen. Gemeinsam mit meiner Frau besuche ich gerne Ausstellungen, im Frühjahr sind wir regelmäßig zum „Horizonte“ in Zingst gefahren, leider passt es in diesem Jahr zeitlich nicht.
Wie ist die Idee zu „Gestrandet – Treibgut“ entstanden? Gab es einen Fund oder ein Erlebnis, das den Ausschlag gegeben hat?
Ja, es gab einen ersten Fund mit dem das Projekt begann. Das Foto „Balance“ entstand Weihnachten, 25.12. auf einem Spaziergang, nachdem es Tage vorher gestürmt hatte. Wenig später lag ein Druck von dem Bild „Symbol vergangener Momente“ auf meinem Schreibtisch und der Pflegedienst war bei mir, mit den Worten: „Toll, genau, mein Ding“ war ich das Foto los. Vermutlich hängt es jetzt irgendwo an der Wand, das war der Beginn des Buchprojekts.
Im Mittelpunkt stehen Fundstücke von Meer und Flüssen. Was fasziniert dich an diesen Objekten und ihren oft unbekannten Geschichten?
Die Vielfalt, schon bevor das Foto entsteht, tun sich Fragen auf. Nicht zu verschweigen, die Suche oder das zufällige Entdecken hat unheimlich viel Spaß gemacht.
Deine Bilder lassen viel Raum für eigene Interpretationen. Wie wichtig ist dir dieser offene Umgang mit dem Betrachter?
Wichtig, häufig werde ich gefragt: „Ralf was ist das? Was könnte das sein? Wo kommt das her? Wie kommt es hier her?“. Ich finde das großartig, zeigt es mir doch, dass die Betrachter sich Gedanken machen, da ist doch schon viel erreicht. Ähnlich bei den Kalendern, mögen manche Fotografen die Nase rümpfen. Für mich zählt, dass die Fotos gefallen, wenn sie dann noch interpretiert werden, umso besser.
Licht, Komposition und der richtige Moment spielen eine große Rolle. Wie gehst du bei der Auswahl deiner Motive vor – eher intuitiv oder sehr geplant?
Kein Licht, keine Bilder, es bleibt beim Spaziergang oder ich gehe gar nicht erst los. Die Fundstücke selbst sind reine Glückssache, klar nach dem Sturm oder bei Flut ist die Wahrscheinlichkeit am größten fündig zu werden, aber auch das Licht muss stimmen. Die Landschaften sind geplant, die fahre ich gezielt an, wenn dann das Wetter mitspielt, ist alles gut. Das kennt wohl jeder selbst. Meine paar Wildlife-Fotos sind da zu vernachlässigen, bei mir eher schlecht und „Beifang“.
Du hast dich schließlich für Selfpublishing entschieden. Was war für dich die größte Herausforderung – und was hat dir dieser Weg gegeben?
Vieles ist einfacher mit einem Verlag und einer Druckerei im Hintergrund von deren Erfahrung und Wissen man profitieren kann, doch so habe ich einiges dabei gelernt. Als Beispiel sei die Umsetzung für den Druck erwähnt. Wir bearbeiten und betrachten unsere Fotos meist auf einem Monitor, ein beleuchtetes Medium meist zu hell eingestellt. Für den Druck muss ich darauf achten, dass die Fotos hell genug sind, soll heißen, das die Schatten nicht „absaufen“ und noch Zeichnung haben und die Lichter nicht ausbrennen. Selbst auf einem kalibrierten Monitor sieht oft noch okay aus, was sich gedruckt als unbrauchbar herausstellt, ist aber mit etwas Erfahrung und Übung in den Griff zu bekommen. Ich kann nur jedem, der vorhat ein Buch zu publizieren, empfehlen es zu probieren. Es ist mühsam und hat mit einem, von der Urlaubsreise erstellten Fotobuch nichts gemeinsam.
Aktuell arbeitest du an „Automatisch – Automaten im Focus“. Was kannst du über dieses Projekt schon verraten, und was treibt dich an, immer wieder neue Themen fotografisch zu erkunden?
Es wird, was ich eigentlich für mich immer ausschließen wollte, ein Porträtband. Allerdings, die Motive halten still und können nicht weglaufen, dafür haben sie andere Allüren: Spiegelungen, die einen verzweifeln lassen, oder sie stehen an stark belebten Orten. Die Fotos der Automaten lassen sich planen, manche muss ich recherchieren, suchen, selten stehen sie zufällig auf meinem Weg. Einige Automaten verschwinden langsam aus dem Stadtbild, wie der Kaugummiautomat. Wird es zukünftig noch Zigarettenautomaten im urbanen Umfeld geben? Ein neues spannendes Projekt.
Keep on going.

Eckdaten zum Buch:
Hardcover
60 Seiten
21,5 x 21,6 mm
Oktober 2025
Eigenverlag / Books On Demand
ISBN: 978-3695103065
42,99 €

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